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Club 08. Februar 2012
 
„…von wegen Papa Heuss “
Gedanken über einen ungewöhnlichen Deutschen

Prof. Dr. Christhard Schrenk, Direktor des Heilbronner Stadtarchivs und rotarischer Freund, im Gespräch über seinen Festvortraganlässlich der Charterfeier des RC Abstatt- Lauffen am 11. November 2006.

RC46: Seit wann ist Theodor Heuss für Sie ein Thema, Freund Schrenk?

Schrenk: Mit Theodor Heuss beschäftige ich mich immerwieder, seit ich 1987 nach Heilbronn gekommen bin. 2005 haben wir die Doktorarbeit von Heuss neu herausgegeben. In dem Zusammenhang habe ich auch diese Arbeit genaustudiert und festgestellt, dass sie noch heute ihren Wert hat.

RC46: Was begeistert Sie an Heuss?

Schrenk: Einmal seine Wissenschaftlichkeit. Die Doktorarbeit von 1905 beschäftigt sich u. a. mit Wirtschaftlichkeitsberechnungen im Weinbau. So weit ich das überblicke, war er damit der Erste, der quantifiziert hat, wie groß ein Betriebsein muss, damit er sich rechnet. Noch mehr fasziniert michallerdings seine außerordentlich breite Begabung. Er war nicht nur wissenschaftlich enorm stark, er war publizistischeine Größe, er war als Politiker herausragend. Auch was er lyrisch hinterlassen hat, beeindruckt mich. Zum siebzigstenGeburtstag seiner Frau Elly hat er ihr ein Gedicht gewidmet, das sich auf die Tischrede von Friedrich Naumann zu ihrer Hochzeit 1908 bezieht. In diesem Gedicht bringt er in einzigartiger Weise die Verbundenheit der beiden zum Ausdruck. Der erste Bundespräsident war weitaus mehr als PapaHeuss, Zigarre, Weinglas.

RC46: Wie bewerten Sie seine Rolle als Bundespräsident heute?

Schrenk: Heuss war klug und hat es hervorragend verstanden, die Strömungen der Nachkriegszeit so zu bündeln, dass sich eine starke Bundesrepublik entwickeln konnte. Erwar die Identifikationsfigur in einer Zeit, als Deutschlandnicht nur zerstört, sondern die Deutschen verstört und verunsichert waren. Die Weimarer Republik scheiterte nicht 32 zuletzt daran, dass sich das Volk nicht mit dem Staatidentifizierte. Heuss dagegen war ein großer Integrator. Mehr noch: Wenn heute ein Bundespräsident mit seinenReden auch inhaltlich etwas aussagen kann, geht das imGrund auf das Beispiel des ersten Bundespräsidentenzurück. In der Verfassung war dies so nicht vorgesehen.

RC46: Welchen Part spielte seine Frau Elly Heuss-Knapp?

Schrenk: Er und seine Frau gehören untrennbar zusammen. Das sieht man an dem von ihr überlieferten Ausspruch „wirsind Chefredakteur“, als er 1912 in Heilbronn die Leitungder Neckarzeitung übernahm. „Wir haben das neue Amt angetreten“, schreibt sie wenige Wochen nach seiner Vereidigung als Bundespräsident 1949. Solche Äußerungen darfman nicht als Amtsanmaßung verstehen, sondern als einbewusstes Hinwenden auf die neue Aufgabe. Als Heuss imDritten Reich sein Mandat als Reichstagsabgeordneter undseine Dozentur verlor und auch durch seine journalistischeTätigkeit nicht mehr genügend Geld verdienen konnte, hatsie die Familie ernährt, indem sie Maßstäbe in der Werbungsetzte. Vor Elly Heuss-Knapp war Werbung in Deutschlandnichts anderes als das bloße Übermitteln einer Botschaft. Sie hat Werbung inszeniert, dort Musik eingeführt und damit Werbung emotional besetzt. Wenn man eine Melodie miteinem Produkt verbindet – heute sagt man dazu „akustisches Warenzeichen“ -, geht das auf sie zurück. „…von wegen Papa Heuss“ Gedanken über einen ungewöhnlichen Deutschen

RC46: Gibt es auch etwas, was an Heuss nicht so toll war?

Schrenk:
Im März 1933 stimmte er als Reichstagsabgeordneter dem Ermächtigungsgesetz zu, das Hitler die vollkommene Macht brachte. Das betrachtete Heuss im späterenLeben selber als Fleck auf seiner Weste.

RC46: Wann hielten Sie Ihren ersten Vortrag über Heuss?

Schrenk: Das ist noch gar nicht so lange her und stand imZusammenhang mit der Neuauflage seiner Dissertation. Dabei ging es auch darum, was Heilbronn Heuss gegebenhat. „Demokratie als Lebensform, das ist das Erbe dieserStadt. Und das heißt: Dem Menschen, gleichviel wer er seiund woher er kommt, als Mensch begegnen“, sagte Heuss einmal. Als 1953 das Rathaus in Heilbronn wieder eingeweiht wurde, hielt er auf der Rathaus-Freitreppe eine Ansprache an die Bevölkerung und formulierte sinngemäß denabsolut visionären Satz: „Aus der Geschichte Heilbronnsleite ich den Auftrag ab, Deutschlands Zukunft als vereinigtes demokratisches Land in einem großen europäischenSchicksalszusammenhang anzustreben.“ Der Vortrag beider Charterfeier des Rotaryclubs Abstatt-Lauffen wird meinzweiter sein, der speziell Theodor Heuss gewidmet ist. Erwird aber inhaltlich und methodisch ganz anders ausgerichtet sein als der erste.

RC46: Heuss prägt Sie und das Stadtarchiv Heilbronn janoch auf eine ganz andere Weise. Sie kürzen Ihr elektronisches Bestände-Suchsystem, das Heilbronner Erschliessungs- und Suchsystem, mit dem Akronym HEUSS ab. Werhatte denn diese pfiffige Idee? Am 2. Dezember 1951 besucht der Bundespräsident Brackenheim anläßlich der Einweihung des Kelterneubaus. Seine Rede wird öffentlich übertragen.

Schrenk: Die Idee das Suchsystem zu machen, hatte mein Kollege Peter Wanner. Dafür die Abkürzung HEUSS zu wählen, war meine. Bei der Schwiegertochter von Heuss habenwir auch ganz korrekt angefragt, ob wir den Namen dafürnutzen dürfen.

RC46: Heuss starb, als Sie fünf Jahre alt waren. Sie konntenihn persönlich also nie erleben. Hatten Sie denn schon malGelegenheit, einem seiner Amtsnachfolger als Bundespräsident die Hand zu schütteln? 34 Einer der seltenen Besuche in seiner alten Heimat führt Theodor Heuss in den Fünfzigerjahren auch in einen Brackenheimer Kindergarten.

Schrenk: Das nicht. Aber eine gewisse Nähe zu manchen Präsidenten gab es immer mal wieder. Mein Vater und Johannes Rau hatten ein gemeinsames Patenkind inWuppertal. Bundespräsident Karl Carstens durchstreifte beiseinen Wanderungen durch die Republik auch die Schwäbische Alb, wo ich zusammen mit anderen Musikern derStadtkapelle Oberkochen für ihn ein Ständchen spielte. Undder jetzige Bundespräsident Horst Köhler hat sich beimGeleitwort zur Neuauflage der Heuss-Dissertation persönlich stark eingebracht. Roman Herzog habe ich die Hand geschüttelt, allerdings nach seiner Präsidentschaft.

RC46: Mit Prof. Friedemann Schrenk haben Sie einen weltbekannten Wissenschaftler zum Bruder. Er ergründet alsUrmenschenforscher die Anfänge der Menschheit in Afrikaund ist Abteilungsleiter des Forschungsinstituts Senckenberg in Frankfurt. Verstehen Sie sich gut?

Schrenk:
Klar - das tue ich im Übrigen auch mit meinen dreianderen Geschwistern. In vielen Punkten sind wir völlig verschieden, in manchen sehr ähnlich. Das gilt äußerlich wie innerlich. Er verkörpert eher das Unkonventionelle - erwürde sich nie mit einer Krawatte zeigen -, ich mehr das Bodenständige. Wir haben verschiedene Lebensentwürfe, sind aber im Interesse und wissenschaftlichen Anspruch sehr ähnlich. Er ist sehr erfolgreich, weil er geschickt vorgeht. Was wir beide gleichermaßen anstreben, ist die konventionelle, aber nutzernahe Präsentation von wissen- schaftlichen Inhalten. Und wir gehen beide der Frage nach: Woher kommen wir?

RC46: Sie beide beschäftigen sich beruflich mit Geschicht- lichem, Sie als Historiker, er als Paläoanthropologe. Inwiefern hat Sie da Ihr Elternhaus geprägt?

Schrenk: Wir stammen aus einem guten schwäbischen Pfarrer- und Lehrerhaus. Mein Vater war Chef des Gymna- Das Geburtshaus von Heuss. Es wurde mit Billigung des Bundespräsidenten abgerissen, um dort eine Kelter zu bauen. Er meinte, statt ihn zu glorifizieren, sei es besser, etwas zur Pflege des Weins zu tun. siums Oberkochen, der eine Großvater war Schulleiter inBacknang, der andere Prälat in Reutlingen. Meine Schwestern sind Lehrerin, Religionspädagogin und Theologin. Ich habe eine positive Beziehung zu meinen Vorfahren.

RC46: Das erklärt aber noch nicht den Hang von Friedemannund Christhard Schrenk zu dem, was vor unserer Zeit war.

Schrenk: Mein Bruder kam über die Versteinerungen an seinThema ran. Die findet man auf der Ostalb, wo wir aufgewachsen sind, überall. Ich habe mich schon als Schüler intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigt. Auf dem Gymnasium hatte ich einen Lehrer, der als solcher zwar umstritten, als Historiker aber hervorragend war. Er hat uns Strukturen der Geschichte toll vermittelt. Etwa dass der Bau der Pyramiden im alten Ägypten eine Verbindung zur heute sehr aktuellen Frage der Massenarbeitslosigkeit aufweist: Er sah den Pyramidenbau – neben anderen Aspekten – auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, wobei die Pharaonen es für sinnvoller gehalten haben, arbeitslose Menschen in einem Großprojekt zu beschäftigen als sie ohne Gegenleistung nur zu unterstützen.

RC46: Freund Schrenk, Sie sind seit vielen Jahren Mitglied desRotaryclubs Heilbronn-Neckartal. Was wussten Sie vor IhrerAufnahme über Rotary? „…von wegen Papa Heuss“ Gedanken über einen ungewöhnlichen Deutschen

Schrenk: Wenig. Mein Amtsvorgänger Archivdirektor Dr. Helmut Schmolz war auch Rotarier und verschwand jeden Dienstag ziemlich pünktlich zu seinem Meeting. Ich wusste, dass es dort immer wieder sehr anregende Vorträge gibt. Als man mich einlud, selber etwas zum Besten zu geben, bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass dies ein Aufnahmevortrag sein könnte. Ich war damals knapp über Dreißig und noch nicht in der Chefposition. Das Thema hieß „Staubt es wirklich im Archiv“ und wurde mir vom damaligen Präsidenten Wilfried Hartmann gestellt. Als er mir dann einigeZeit später die Mitgliedschaft angetragen hat, zögerte ich, vor allem wegen der Frage, ob ich mir das zeitlich leisten kann und ob ich als kleiner wissenschaftlicher Angestellter überhaupt rotaryfähig bin. Denn dort waren ja nur Leute, die es bereits zu etwas gebracht hatten.

RC46: Wie sehen Sie Rotary heute?

Schrenk: Die wöchentlichen Termine – wir treffen uns donnerstags – empfinde ich als echte Bereicherung. DieVorträge sind immer wieder spannend. Von dem was ich inder Breite weiß, stammt viel aus diesen Vorträgen. Dadurchist man immer am Puls der Zeit. Natürlich kann ich nicht alle Termine wahrnehmen, das ist mitunter auch eine Frage zwischen Rotary und Familie. Man muss bei Rotary dringenddarauf achten, dass die beiden Pole keine Gegensätze sind.

RC46: Sie sind seit 1990 bei Rotary. Was hat sich in IhremServiceclub seither gewandelt?

Schrenk: In unserem Club gab es eine große Veränderung: Wir haben ihn für Frauen geöffnet. Im Nachhinein empfinde ich die Diskussionen, ob man das tun oder lassen sollte, als unbegründet. Das funktioniert ganz natürlich. Was ich weiterhin gut finde ist, dass in unserem Club das Alter beim Thema „Freundschaft“ keine Rolle spielt. Man hat mich nach der Aufnahme - als ich mit Abstand das jüngste Mitglied war -voll akzeptiert. Und die Gespräche sind stets auf Augenhöhe, ganz gleich ob das Gegenüber vierzig oder achtzig Jahrezählt.

RC46: Was bedeutet es für Sie den Festvortrag anlässlichder Charterfeier des Rotaryclub Abstatt-Lauffen zu halten?

Schrenk: Ich empfinde das als Ehre und mache das wirklichgerne. Ich war 1995 bei der Charterfeier des RotaryclubsHeilbronn-Unterland dabei, als der von mir hoch geschätzte Dr. Karl Lang eine sehr eindrucksvolle, kluge Rede über„Rotary und die Grenzen der Freiheit“ gehalten hat. MeinVortrag wird ganz anders aufgebaut sein… Rc46: … da sind wir mal gespannt.


Das Interview führte Freund Wolfgang Hess.


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