
Die bunt gemischte Gruppe auf Wasan Island
Eng war's auf Wasan Island. "In 20 Minuten warst du einmal um die Insel rum", erzählt Benjamin Koblowsky von dem kanadischen Mini-Fleckchen Erde 200 Kilometer nördlich von Toronto. Der Böblinger verbrachte dort Anfang September zehn Tage mit 20 anderen jungen Menschen aus allen Erdteilen. Was sich anhört wie "Big Brother" in Kleinformat, ist ein ambitioniertes Projekt der Breuninger Stiftung. Koblowsky ist mit von der Partie und kommt dabei rum in der Welt. Heute fliegt er für zwei Wochen nach Indien - Teil zwei des "Wasan Projects". Kommunikation und Kooperation. Das sind die Fähigkeiten, die die Menschheit in Zeiten der Globalisierung braucht. Das glaubt jedenfalls die Breuninger Stiftung unter der Leitung von Dr. Helga Breuninger und hat das Wasan-Projekt gestartet. In insgesamt vier mehrtägigen Seminaren sollen junge oder kommende Führungskräfte aus den unterschiedlichsten Bereichen, Kulturen und Kontinenten Kommunikation trainieren. Im April trifft man sich noch in Stuttgart, ehe der Abschluss im August wieder in Kanada stattfindet. "Letztlich will die Stiftung einen Beitrag zum Frieden in der Welt leisten", glaubt der 27-jährige Koblowsky. "Da ist die erste Frage: Wie redet man miteinander?"
Zum Beispiel mit Hilfe des "speaking stone". Wer den in der Hand hält, darf sich äußern, sonst niemand. "Irgendwie kommt man sich erst mal albern vor", erzählt der Böblinger. "Aber der Effekt ist schon erstaunlich." Sich ausreden lassen, zuhören, Ruhe aneignen. Ein einfaches Mittel mit großer Wirkung. Solche und ähnliche Methoden testeten die 21 jungen Erdbewohner mit Anleitern und Trainern auf dem kleinen Eiland in Kanada. In der Regel zehn Stunden am Tag.
Koblowsky bewarb sich für das Projekt auf Empfehlung der Rotarier, die am Wasan-Projekt beteiligt sind. Da der Böblinger seit Jahren sozial und politisch engagiert und lange Zeit treibende Kraft im Club Forum war, kam der 27-Jährige in die engere Auswahl und stand plötzlich auf Wasan Island. "Ich habe erstmal den Beobachter gemacht", erzählt der sonst extrovertierte Koblowsky. "Mich zurückgehalten." Doch das änderte sich schnell. "Okay, ich war ziemlich bald der Gute-Laune-Mann", gibt der Böblinger zu. Koblowsky taufte den Sprecher-Stein auf "Hans-Günther" und war mit den US-Amerikanern schnell im Gespräch. "Ich würde klingen wie Arnie, haben die gesagt", erzählt der 27-Jährige schmunzelnd. "Das war hart."
Der Spaß fand schnell seine Grenzen, die Gruppe hatte bald viel Material zum Streiten. Zündstoff musste nicht inszeniert werden, der ergab sich auf dem engen Raum in dem zusammengewürfelten Haufen von ganz allein. Angefangen beim Ärger der Ruhebedürftigen über nächtliche Schnarcher bis zu grundsätzlich unterschiedlichen Ansichten in Sachen Alkoholkonsum. Zu diskutieren gab es reichlich. Und je hitziger es wurde, desto mehr griffen die Kommunikations-Trainer ein, um ein lösungsorientiertes Vorgehen zu vermitteln. "Mich hat das bisher sehr weitergebracht", bilanziert Koblowsky bereits nach der ersten von insgesamt vier Seminarrunden. "Ich gehe jetzt ganz anders an Probleme und passende Lösungen ran."
Der kanadische Manager Tim Roony zog mit den Seminaristen ein knallhartes Programm durch, weihte sie in die Techniken der "crucial conversations" ein. Bei dieser Methode soll als Basis einer Kommunikation ein Vertrauensgefühl aufgebaut werden. "Das war 48 Stunden Hardcore", stöhnt Koblowsky im Rückblick. "Aber sehr lehrreich." Nicht nur um das eigene Verhalten anpassen und steuern zu können, sondern auch um Kommunikationspannen schneller zu realisieren und richtig einzuschätzen, dazu dient das Wasan-Projekt. "Politikerrunden", nennt Benjamin Koblowsky das Negativ-Beispiel beim Namen. "Eine Katastrophe."
Heute Morgen um 7.30 Uhr geht Koblowskys Flug von Frankfurt nach Süd-Indien. Auroville heißt das Ziel, wo das zweite Seminar der Wasan-Reihe stattfindet. Ein ganz spezieller Ort. "Die haben dort keine Währung und keine Polizei, so wie wir sie kennen", hat sich der Böblinger schon mal schlau gemacht. "Das Zusammenleben funktioniert auf anderen Grundlagen." Rund 2000 Menschen aus 35 Nationen leben in der internationalen Stadt in der Nähe von Pondicherry. Bereits 1966 anerkannte die UNESCO das Projekt und erklärte ihre Unterstützung. In Auroville gibt es ein eigenes Gesetz, der Einzelne genießt großes Mitspracherecht. "Indien als Erfahrung ist ja schon krass genug", sagt Benjamin Koblowsky trocken. "Aber dann noch das."
Zehn Tage dauert das Seminar. Die 21 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt kommen erneut zusammen. Um Lösungen zu suchen, ohne sich zu zoffen. Und im Zweifelsfall hilft Hans-Günther.
Weitere Informationen:
>> Dieser Artikel aus der Böblinger Kreiszeitung im Original (PDF) <<
>> WASAN Projektbeschreibung <<
>> Breuninger Stiftung <<
>> Auroville <<